18. December 2018 ...auf gesundheitlicher Mission.
Aktualisiert am: 17. September 2018 * Lesezeit: ~ 13 Min.

Machen soziale Netzwerke krank?

Die Frage, ob soziale Netzwerke krank machen können, wird immer wieder diskutiert. Meiner Meinung gibt es da auch keine pauschale Antwort. Es gehören verschiedene Faktoren in dieser Überlegung herein. Ich versuche dem einmal auf den Grund zu gehen. Eine Mischung aus Fakten und eigener Meinung.


Inhalt

  1. Gefahren im Netz
  2. Kinder und Smartphones
  3. Zeit begrenzen für Kinder am Computer?
  4. Die Handschrift geht verloren
  5. Promis machen es vor
  6. Letzter Gedanke: Müssen es alle sozialen Netzwerke sein?

Social Network – gibt es ein gesundes Maß?

Nutzen Sie soziale Medien? Klar, wer nicht, würden wahrscheinlich jetzt die meisten antworten. Wie schaut es bei den Kindern aus, dürfen die an Handy, PC und Tablet? Hier gehen die Meinungen schon sehr weit auseinander. Eine Stunde, zwei am Tag? Oder gar nicht? Und wenn nein, bis zu welchem Alter?

Machen soziale Netzwerke krank?Ich habe mich mit diesen Fragen Monate befasst und auch zum Teil selbst getestet. Denn sofern es gesundheitlich möglich ist, versuche ich alles selbst zu ergründen ohne vorgefasste Meinungen zu übernehmen.

Bis ins Jahr 2013 habe ich die sozialen Netzwerke nahezu gar nicht genutzt. Ich war in Facebook und Twitter nur, damit ich eine Fan-Seite für meinem Gewerbe anlegen konnte. Private Posts gab es nicht und ich folgte auch nahezu keinem. Dann gab es in meinem Leben Veränderungen und ich ging nach und nach mehr auf Facebook und co. Ich versuchte jedoch immer das „gesunde Gleichgewicht“ zu halten. Funktioniert das überhaupt? Ja, bei mir ging das damals vor allem, weil ich nur Kontakt zu mir bekannten Personen hatte und der Sache ohnehin kritisch gegenüber stand. Doch über die Jahre war ich immer öfter im Netz, teile Bilder mit Freunden und kommunizierte immer mehr darüber. 

Es gibt Studien die besagen, dass soziale Netzwerke Stress auslösen können. Nämlich dann, wenn man ständig den Drang hat nach den neuesten Meldungen zu schauen. Dann, wenn man etwas Postet und auf Likes wartet. Dann, wenn man auf Kommentare und Reaktionen vielleicht vergebens wartet. Dann, wenn aus dem alles ein Kreislauf wird. Neben der Stress-Wirkung kommt natürlich auch ein gewissen Sucht-Potential hinzu. So wurde Facebook programmiert, wie der Ex-Entwickler Sean Parker reumütig im Nachhinein zugegeben hat (Quelle; auf einer Veranstaltung der US-Nachrichtenwebsite Axios in Philadelphia am 08.11.2017):

Zitate: „Soziale Medien sind darauf ausgelegt, Schwächen der menschlichen Psyche auszunutzen“, „Es ändert buchstäblich euren Umgang mit der Gesellschaft und untereinander“, „Es stört wahrscheinlich auf komische Weise Eure Produktivität. Gott allein weiß, was es mit den Gehirnen unserer Kinder macht…“

Auf Facebook ist Parker, der durch seine Facebook-Anteile zum Milliardär wurde noch online, aber sehr wenig. 

Bei mir war es ganz ähnlich, wenn auch sicher nicht so extrem. Wie mit jeder Sucht, merken es Betroffene meist nicht, oder versuchen es „schön zu reden“. Dass ich es erkannt habe zeigt, dass ich nicht zu weit drin war. Ich beschloss also die App vom Smartphone zu löschen und ging über dem Browser nur noch zwei mal am Tag rein. Früh und Abend. Nun beginnt folgendes: Man merkt wie oft man nach dem Handy greifen will, nur um zu gucken ob es Neues gibt. Studien zeigten, dass im Durchschnitt alle 7 Minuten aufs Handy geschaut wird. Alle 7 Minuten! Da heißt es, nicht nachgeben! Nach einer gewissen Zeit hat sich der Kopf daran gewöhnt, dass es jetzt mehr Zeit gibt, die man sinnvoller nutzen kann. Dann sollte die soziale Zeit auf max. einmal pro Tag (wenn möglich noch weniger) reduziert werden. Im Urlaub habe ich immer ganz verzichtet, da gibt es sinnvolleres, was man mit seiner Zeit anfangen kann. Vor allem hat es nur dann eine gesundheitliche Wirkung.

Heute trifft man mich immer weniger auf Facebook an. Da ich nach wie vor die gewerbliche Seite betreuen muss, kann ich natürlich nicht fern bleiben.

Gefahren im Netz

In die Überlegung „etwas zu Ändern“ sind auch Ereignisse eingeflossen, die weniger schön sind. Andere können da vielleicht sogar deutlich negativeres berichten. Gerade Kinder und Jugendliche die teilweise verbotenerweise auf solche Plattformen sind (da bis 16 Jahren lt. JuSchG und DSGVO untersagt), werden von Mitschülern mitunter heftig gemobbt, beleidigt oder vorgeführt. Ich habe mich gern an kontroverse Diskussionen beteiligt, wo meine Meinung grundsätzlich gegen der Masse war. Entsprechend Gegenwind erntet man. Wenn es sich hier um vernümftige Diskussionen handeln würde, wie man diese Auge in Auge auch machen würde, wäre das auch in Ordnung. Doch im anonymen Netz kennen manche keine Erziehung mehr und beleidigen, unterbuttern, akzeptieren keine andere Meinung und diskriminieren den Gesprächspartner vor versammelter Community. Ich hatte es schlicht satt. Denn ich kontere nicht im gleichen (unteren) Niveau. Wer sich da schnell nach untern ziehen lässt, ist schnell in einer psychischen Krankheit (Depression). Ich habe mich lediglich geärgert, was aber auch keine wohltuenden Gefühle hinterlässt.

Man kann also sagen, dass Netz kann auch krank machen. Und das auch die, die kräftig austeilen. Denn sie laufen immer noch Gefahr einer Sucht und Empathielosigkeit. Und bei Suchtmitteln gibt es kein gesundes Maß! 

Passend dazu das Wort des Jahres 2015: Smombie. Der Begriff setzt sich aus Smartphone und Zombie zusammen und beschreibt genau das. Nicht selten sind Handynutzer auf den Handy starrend gegen Laternen, in einem Brunnen oder gar in den fahrenden Straßenverkehr gelaufen. Wenn es peinlich wurde, hilft es vielleicht. Passiert schlimmeres, ist es eigentlich nicht mehr lustig…

Kinder und Smartphones

Ich war kürzlich zu einer Veranstaltung, da sah ich mehrere Kinder – Kopf nach unten auf dem Smartphone schauend auf dem Boden sitzend. Dieser Anblick ist nicht wirklich toll, meiner Meinung. Doch geistig richtet dies mehr an, als manche Eltern vielleicht denken, je nach Alter. Viele Eltern glauben, gerade die ganz Kleinen könnten etwas lernen. Doch zeigt die Hirnforschung, dass bis zu einem Alter von 2 Jahren gar nichts passiert. Kleinkinder lernen nur, wenn ihnen ein Gegenstand gezeigt und wörtlich gesagt wird. „Sehen und Hören“ heißt hier die Devise. Außerdem muss der Tastsinn gelernt werden. Mit „Schieben“ und „Tippen“ lernen sie nicht, wie sich eine Tasse in der Hand anfühlt. Denkt man genauer darüber nach, dürfte das jeden klar sein. 

Nebenbei in dem Zusammenhang auch umgedreht: Der für mich traurigste Anblick ist der, wenn eine junge Mutter ihren Kinderwagen schiebt, die Sicht zum Kind aber vom Smartphone verdeckt wird. Das Kind schaut auf die Mutter, sieht aber nicht das Gesicht, da es vom Handy verdeckt wird. Eigentlich hat es einen Sinn, dass das Baby nicht in Fahrtrichtung im Wagen sitzt… Dies bezieht sich natürlich in erster Linie auf Säuglinge, größere sitzen ja durchaus in Fahrtrichtung.

Gefahren vor allem für größere Kinder gibt es natürlich auch, die schnell vergessen werden: Gewalt, Sexismus, Pornographie, um nur einige zu nennen. Das Internet ist voll davon und die Suchmaschinen helfen ohne FSK beim suchen…

Zeit begrenzen für Kinder am Computer?

Bunte Grafiken, spannende Spiele. Es gibt viele Games die nicht nur Kinder am PC fesseln und nicht mehr los lassen. Dies stellt ein großes Suchtpotenzial dar. Aus diesem Grund rate ich bei Kindern generell von Computern ab. Dies gilt auch für Smartphones, schließlich sind das im technischen Sinne nur mobile Computer mit Telefon-Funktion. Neben dem Suchtpotenzial kommen weitere mögliche Gefahren hinzu: Eine mögliche Kurzsichtigkeit durch den geringen Abstand zum Display und Schlafprobleme durch blaues Licht. Empathielosigkeit ist ebenfalls eine Gefahr der neuen Technik. Wenn Kinder (und Jugendliche) ihr Gegenüber nicht mehr sehen können, wie sollen sie dann Gestiken und Gefühle einordnen? Um empathisch, also mitfühlend zu sein, muss auch der zwischenmenschliche, persönliche Kontakt bestehen. Als Erwachsener haben wir das bereits gelernt und können es eigentlich nicht verlernen. Jedoch habe ich nicht selten das Gefühlt, dass das Erlernte verloren gehen kann. Kommuniziert man ausschließlich mit elektronischen Mitteln, verkümmert diese wichtige Eigenschaft. Smartphones können aber auch den Narzissmus fördern. Wer hat früher ständig von sich selbst Fotos gemacht? Heute sind Selfies allgegenwärtig. Dies kann natürlich ebenfalls die Persönlichkeit verändern.

Zurück zu der Frage, ob es reicht die Zeit zu begrenzen. Jein. Experten der Hirnforschung empfehlen ganz klar, bis zum mittleren Schulalter auf Smartphone und PCs zu verzichten. Vielleicht sollte dies in Elternabende thematisiert werden, dass alle Eltern am gleichen Strang ziehen, wenn es nicht bereits zu spät ist. In diesen Zusammenhang ein Beispiel das zu Denken gibt: Die Chefs der führenden Software- und Computer-Unternehmen wie Google, Apple, Microsoft, HP, …, ziehen in einer Sache scheinbar an einem Strang. Bill Gates hat seinen Sohn erst mit 14 ein Smartphone gegeben. Die größten Unternehmen schicken ihre Kinder in einer Waldorfschule OHNE Computer oder sonstigen Kommunikationsmitteln. Der inzwischen verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs hat seinen Kindern verboten das iPhone und iPad zu benutzen. Und das bis in den Jugendalter hinein. Wenn einer auf seinen Produkten stolz war, dann er. Und doch war ihm wie den anderen Chefs auch die Gefahr nicht unbekannt und sie schützten ihre Kinder davor.

Studien bestätigen dies ganz klar. Gibt man Schulkindern ein Smartphone, sinkt die Leistung ab. Haben sie kein Smartphone mehr, steigt die Leistung bei lernschwachen Schülern. Natürlich hat es in jeder Zeit auch lernschwache Kinder und Jugendliche gegeben. Doch die neue Technik kann dies den Studien entsprechend verschlimmern. Schon die Anwesenheit eines Smartphones kann Stress auslösen (warten auf Nachrichten, Reaktionen), die die Konzentration blockiert, wenn es sich bereits um Dauerstress handelt. Südkorea hat hier schon mehr verstanden: Dort ist es inzwischen für alle Smartphone-Nutzer unter 19 Jahren Pflicht, eine App zu installieren, die die Online-Zeit überwacht und ab einer bestimmten Uhrzeit Jugendgefährte Inhalte sperrt. Außerdem werden die Eltern per App informiert, wenn eine Zeit überschritten wird. Dies ist gesetzlich vorgeschrieben.

Die Handschrift geht verloren

Ein Aspekt auf den ich noch nicht eingegangen bin ist die Handschrift. Ich bin ehrlich: Mir fällt es inzwischen schwer, handschriftliche Notizen zu machen, die ich später auch noch lesen kann 😉 . Wenn ich dann höre, dass bereits seit 2013 in 46 von 50 US-Staaten ab der 4. Klasse die handschriftliche Ausarbeitung nur noch nebenbei freiwillig unterrichtet wird, fehlen mir die Worte. Stattdessen muss ein Schüler der 4. Klasse das 10-Finger-Tippen beherrschen. Man kann nur froh sein, dass die Digitalisierung unserer Schulen noch nicht so weit fortgeschritten ist…

Promis machen es vor

Selbst Promis sind inzwischen genervt oder merken das soziale Netzwerke nicht immer gut sind. Zum Beispiel: Die 25-Jährige* Musikerin Miley Cyrus. Sie löschte alle Beiträge auf ihrem Instagram-Account. Ihr Twitter-Account besteht noch, aber es wurde seit dem 05. Juli, also über einem Monat nichts mehr getwittert. Bis zum 28.06. twitterte sie täglich teilweise mehrfach. Auf Facebook änderte sie am 13. Juli ihr Profilbild und Facebook-Bild: ein schwarzes Bild schmückt die Seite und hat bis heute 57.000 Likes erhalten (kaum zu glauben…). Die genauen Gründe bleiben offen. Eine unbekannte Quelle sprach bei Entertainment Tonight von einer dringend benötigen Pause, wie Heise Online berichtet. Sie schien wohl ausgebrannt zu sein.

Der US-Komiker Pete Davidson sagte, „das Internet ist ein teuflischer Ort und tut mir nicht gut“. Auch er löschte auf Instagram sämtliche Inhalte. Schauspieler Michael Rooker löschte zwar nichts auf Instagram, stellt aber seit März 2018 keine neuen Inhalte mehr auf die Plattform. Twitter deaktivierte er, nach einem Twitter-Post: „Twitter ist scheiße, und ich will damit nichts mehr zu tun haben“, so Hollywood Reporter. Sein Account ist aktuell gesperrt. Facebook nutzt er nach wie vor.

Letzter Gedanke: Müssen es alle sozialen Netzwerke sein?

Es gibt etliche soziale Netzwerke. Vorne dran natürlich Facebook, Twitter, Instagram. Doch muss man wirklich überall vertreten sein? Reicht nicht ein Account den man jedoch nicht täglich besucht? WhatsApp habe ich in dem Zusammenhang noch gar nicht erwähnt. Diesen Kanal nutze ich natürlich auch, habe mich aber etwas zurück gezogen. Wenn es im Rahmen bleibt, mag es gehen – ab 16 in Maßen, wie seit dem neuen Datenschutz-Gesetz vorgeschrieben. Man muss auch nicht jeden Mitteilen, was auf dem Mittags-Teller liegt 😉 .

„Man kann sich den neuen Gegebenheiten nicht ganz entziehen“, so etliche Eltern. Ich muss wieder von mir ausgehen. Seit 2006 bin ich online selbstständig. Ich bin in der Lage, alles online abzuwickeln, wenn ich denn will. Doch ich habe bis ins zweite Lehrjahr (als Energieelektroniker, wo auch SPS-Programmierung eine Rolle spielt) hinein keinen PC gehabt. Dies war Anfang 2000. Zu dem Zeitpunkt hatten meine Mit-Lehrlinge fast alle einen PC zu Hause und kannten sich auch entsprechend gut aus. Mir hatte damals ein Schulfreund sehr geholfen, so dass ich kaum Defizite hatte, abgesehen dass es in der Mittelschule ab der 9ten Klasse PC Informatik gab. Dass ich den ersten PC dann erst nach meiner Volljährigkeit gekauft habe, sehe ich heute nicht als Nachteil an.

Bei all den vernichtenden Kritiken, hat das Netz natürlich auch seine guten Seiten. Aber es gehört ein verantwortungsvoller Umgang dazu. Ich arbeite im Netz. Ohne Internet kein Geld. Doch übertreibe ich es, spüre ich das ganz genau. Und zwecks Kommunikation Eltern <> Kinder kann es natürlich auch vom Vorteil sein, sofern das Smartphone bis zu einem gewissen Alter kein mobiles Internet hat (und zu Hause nicht permanent online ist). Das Smartphone sollte als „Werkzeug“ angesehen werden. Inzwischen kann man ja auch alles mögliche damit machen. Als Hilfsmittel, ohne stundenlang daran zu sitzen, ist es ja für Erwachsene durchaus auch sinnvoll und eben verantwortungsbewusst nutzbar.

Video-Empfehlung zum Thema

Ich empfehle den Gehirn-Forscher Manfred Spritzer. Er ist ärztlicher Direktor der Uni-Klinik Ulm für Psychiatrie und Psychotherapie und weiß wovon er spricht. Natürlich wollen viele nicht hören was er sagt, entsprechend Gegenwind weht ihm entgegen. Hier ein Interview zum Thema „Cyberkrank“.

 

* Zur Veröffentlichung des Beitrags am 08.08.2018

Bild: geralt / pixabay.com

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